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TEXT   Christiane Stoltenhoff

Die immer weiter wachsende Gartenbegeisterung der Menschen hierzulande bringt wunderbar kreative und individuelle Ideen für die Gestaltung der grünen Oase hervor. Doch was ist eigentlich mit den zu Gärten ja notwendigerweise dazugehörenden Häusern? Wie schlägt sich die Liebe zum Garten in der Architektur nieder? Ein Annäherungsversuch.

So selbstverständlich, wie heute für die meisten Haus- und Gartenbesitzer der Schritt durch die Terrassentür ist, um ein paar Sonnenstrahlen zu genießen, war der Weg von drinnen nach draußen früher keineswegs. In Zeiten, in denen sich viel mehr Menschen gezwungenermaßen viel mehr draußen aufgehalten haben, gehörten Luftschnappen und Naturnähe nicht zum bevorzugten Freizeitprogramm der breiten Masse. Vielmehr war man froh, wenn man sich in seinem Heim vor den Widrigkeiten der Witterung so gut es ging abschirmen konnte. Außerdem war Glas teuer, und wer sich überhaupt größere Fenster für sein Haus leisten konnte, ließ diese eher Richtung Straße zeigen, damit jeder sie sehen konnte. Gleichzeitig diente das Grundstück vor allem der Selbstversorgung, und damit erhoben die dort angelegten Pflanzflächen nicht unbedingt Anspruch auf einen Schönheitspreis. Alles Gründe dafür, dass lange Zeit gar nicht der Wunsch aufkam, vom Wohnbereich aus einen direkten optischen oder gar physischen Zugang zum Garten zu haben. Das ist heute definitiv anders. Die Masse der Arbeitsplätze befindet sich mittlerweile in geschlossenen Räumen, oft genug sogar mit künstlichem Licht und maschinell aufbereiteter Frischluft. Da ist es nicht verwunderlich, dass es die Menschen in ihrer Freizeit verstärkt nach draußen zieht – und das liebsten in das eigene Fleckchen Grün. Deshalb: Häuslein, öffne dich!

Inszenierung
Hier wurden die Fensterflächen so angelegt, dass sie einen Rundumblick ermöglichen
Maximale Offenheit
Hier lässt sich die Fensterfront komplett beiseiteklappen, so dass sich der Raum ganz zur Poolterrasse hin öffnen lässt. Die Flechtmöbel unterstreichen den Wintergartencharakter
Offenheit ist Trumpf

Jemand, der sich seit langem mit der Lust am Wohnen zwischen drinnen und draußen beschäftigt, ist Johannes Kottjé. Der Architekt und Autor ist sich sicher, dass sich mit der Einstellung der Menschen zu ihrem Garten auch die Architektur ihrer Häuser verändert hat: „Seit der Garten eher dekorativen als nutzwertigen Charakter hat, also spätestens seit den 60er Jahren, sind natürlich die hausnahe Terrasse und die dazugehörige Glastür Standards“, so sein Fazit. Allerdings beobachtet er auch, dass sich in den letzten rund 20 Jahren der Umgang mit Grundrissen im Einfamilienhausbau noch einmal deutlich gewandelt hat: „Es geht verstärkt darum, Raumstrukturen zu öffnen, einzelne Funktionen in großzügigeren Einheiten zusammenzuführen.“ Klassisches Beispiel: der Wohnessbereich, der heutzutage bei den meisten Neubauten standardmäßig gemeinsam mit der offenen Küche fast die gesamte untere Etage einnimmt. Dazu gehören dann ebenfalls fast selbstverständlich – großzügig dimensionierte Fensterflächen Richtung Wohngarten. „Diese Offenheit auch nach außen hin passt natürlich perfekt zu den aufgebrochenen Grundrissen“, so Bauexperte Kottjé, der allerdings auch bemängelt, dass viele Architekten und Bauherren mit dieser Offenheit allzu sorg- und maßlos umgehen. „Ich würde mir wünschen, dass man sich bei der Planung bewusster damit auseinandersetzt, worauf die Fenster den Blick freigeben, denn nicht alles, was sich in unmittelbarer Umgebung des zukünftigen Eigenheims befindet, will man auch wirklich ständig sehen.“ Soll heißen: Fensterflächen sollten so dimensioniert sein, dass sie reichlich Licht und schöne Gartenbilder ins Haus lassen, aber auch so positioniert, dass weniger Schönes aus der Nachbarschaft dezent ausgeblendet wird. Umgekehrt lohnt es sich seiner Erfahrung nach aber auch, Fenster an eher ungewöhnlichen Stellen einzuplanen, wenn sich so überraschende Ausblicke schaffen lassen.

Naturfernsehen beim Abwasch
Mit seinem ungewöhnlichen Format setzt das Küchenfenster die benachbarte Pferdewiese perfekt in Szene
Das rechte Maß an Transparenz

Angeheizt wird die Liebe von Architekten und privaten Bauherren zu großen Fensterflächen natürlich auch durch den technischen Fortschritt: „Heute sind die Wärmedämmwerte mancher Gläser besser als die einiger Außenmauern aus den 50er Jahren“, bringt es Kottjé auf den Punkt. Entsprechend entspannt kann sich heute auch der energie- und umweltbewusste Bauherr für großzügig verglaste Fassaden entscheiden, denn die sind sicherlich das einfachste Mittel, um sich das Gefühl, draußen zu sein, in einen Innenraum zu holen. Das geht natürlich seit jeher auch in Gestalt eines Wintergartens, wobei Johannes Kottjé in den letzten Jahren verstärkt eine Abkehr vom vollflächig verglasten Anbau beobachtet: „Hier haben viele Bauherren schon gemerkt, dass die totale Transparenz nicht unbedingt glücklich macht, weil man sich das Innenraumgefühl doch zumindest teilweise bewahren möchte.“

Wer große Fensterflächen hat, braucht auch viele Gardinen, um unerwünschte Einblicke zu vermeiden – oder einen gepflanzten Sichtschutz
Johannes Kottjé
»Ich würde mir wünschen, dass man sich bei der Planung bewusster damit auseinandersetzt, worauf die Fenster den Blick freigeben.«

Allerdings ist die Verwendung von viel Glas beileibe nicht das einzige Instrument, das moderne Architektur zur Verfügung hat, um sich gartenfreundlich zu präsentieren. „Schön ist, wenn das Haus schon so auf dem Grundstück platziert werden kann, dass sich die Lage der Räume auf potenzielle Nutzungsmöglichkeiten des Gartens zuschneiden lässt“, erklärt der Experte. „Wenn zum Beispiel die Küche gen Osten zeigt, lässt sich davor wunderbar eine Frühstücksterrasse platzieren, daneben dann das Kräuterbeet, so dass man beim Kochen direkten Zugriff hat, und vielleicht sogar eine Außenküche als Verlängerung des Innenraums“, schildert er verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten. Ideal ist aus Kottjés Sicht, wenn die Architektur beispielsweise eine Terrasse nicht mehr einfach als Platz vor der Fassade begreift, sondern sie schon als Bestandteil der Architektur versteht.
Auch materialseitig und in Sachen Farbkonzept lassen sich Innen- und Außenraum wunderbar verzahnen, wobei es in der Praxis meist so ist, dass die Architektur die Richtung vorgibt – einfach, weil das Haus schon fix und fertig steht, wenn es an die Gartenplanung geht. Dann können zum Beispiel Terrassen den Bodenbelag des angrenzenden Innenraums in Material und Farbigkeit aufnehmen, Stufen aus dem Innenraum draußen fortgeführt oder Fassadendetails in ihren Proportionen in den Garten aufgenommen werden.

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